Wieder
vergaß ich ihn, dann wurde es kalt. Nachts sank die Temperatur weit unter den Gefrierpunkt
und ich dachte mehrfach vage an den alten Hund, der nun der Kälte ausgesetzt
war. Sicher hatte er großen Hunger.
Als
ich mit meinen Hunden eines Nachmittags spazieren ging, lag er bewegungslos in
der Sonne auf einem ungenutzten Feldstück am Ortsausgang von Cardona.
Eigentlich sah ich nur sein zottiges braunes Fell und war überzeugt, dass er
tot war. Siedend heiß durchschoss es mich schuldbewusst: hatte ich nicht
vorgehabt ihn zu füttern, wie habe ich ihn nur vergessen können? Eingefallen
und leblos lag er da. Entsetzt band ich meine Hunde an und trat zu ihm, redete
auf ihn ein und hockte mich schließlich zu ihm. Er musste tot sein. Dann aber,
als ich die Hand ausstreckte und ihn sanft berührte, zuckte er zusammen und
schreckte hoch. Ich sah in ein Paar ängstliche, verwirrte aber wunderschöne
Hundeaugen, hell und klug. Ich redete auf ihn ein und glaubte doch zu wissen,
dass er mich nicht hören konnte. Er hatte auf meine Rufe nicht reagiert,
wahrscheinlich war er fast taub. "Ich werde dir Futter bringen, das schwöre
ich dir!", sagte ich und sagte es zu mir, empört über mich selbst. Ich
ging zurück, ohne den Hund angefasst zu haben. Sein Körper war ganz steif und
leblos, nur seine Augen sahen mir verwundert nach.
Später
als es dunkel war, kam ich zurück, doch der Hund war nicht da. Mittlerweile war
es klirrend kalt und die Sterne funkelten im schwarzen spanischen Himmel. Ich
stellte ihm die Fleischkonserve in einer Aluschale dort hin, wo er gelegen
hatte, am nächsten Tag gegen Mittag besuchte ich die Stelle wieder. Die Schale
war leer und der Hund lag wieder wie tot in der Sonne. Ich dachte, er sei über
Nacht erfroren, doch als ich mich zu ihm hockte, schreckte er wieder hoch. Ich
hielt ihm Hundefutter unter die Nase und er fraß gierig, schlang alles völlig
verhungert herunter und sah mich dabei erstaunt und dankbar an. Nun wagte ich
auch seinen Kopf zu streicheln und er ließ es geschehen. Dennoch glaubte ich zu
fühlen, dass es ihm völlig egal war, ob er gestreichelt wurde oder nicht. Etwas
hatte den Hund verlassen, was ich von allen Hunden kannte. Vielleicht war es so
etwas wie Hoffnung auf eine bessere Zeit, eine sanfte Hand konnte ihm auch
nicht zurückgeben, was er verloren hatte ...
Ich
nannte den Hund Bilbo. Bilbos Zustand war für mich sehr schrecklich. Eine ganze
Woche besuchte ich ihn Tag für Tag, fütterte und streichelte ihn. Wenn er mich
kommen sah, begann sein Speichel zu laufen. Also verband er mich mit Futter und
Futter war Überleben. Nachts dachte ich daran, dass der arme kranke Kerl
schutzlos der Kälte ausgeliefert war, doch ich konnte nichts für ihn tun. Ich
wohnte hier im Elternhaus meines Freundes und wir hatten selbst zwei
Riesenhunde. Ins Tierheim bringen konnte ich ihn nicht, denn sie nahmen diesen
alten kranken Hund sicher nicht auf. Wenn schon so viele junge gesunde Hunde
aus der Tötungsstation von Manresa eliminiert wurden ... für den armen Hund
wäre es wahrscheinlich gnädiger, eine Todesspritze zu bekommen, doch wie sollte
ich ihn zur Tierklinik nach Manresa bekommen? Kein Tierarzt würde sich die Mühe
machen, ihn auf seinem Wiesenstück zu besuchen, um ihn hier zu erlösen. Ich war
völlig ratlos.
Zu
diesem Zeitpunkt hatte Bilbo mein Herz noch nicht wirklich erreicht, genauso
wenig wie ich das seine erreicht hatte. Ich hatte großes Mitleid mit ihm, und
für ihn bedeutete ich Futter und Überleben. Mit meinem Freund besuchte ich am
Sonntag den armen Bilbo und er war genauso schockiert von seinem Zustand wie
ich. "Wie schrecklich für dich, wenn du jeden Tag damit rechnest, ihn
erfroren vorzufinden, und wie schrecklich für den Hund, der beißenden Kälte schutzlos
ausgeliefert zu sein ... Für ihn wäre es sicherlich besser, erlöst zu sein. Er
läuft schon so lange hier herum, doch jetzt kann er ja nicht einmal aufstehen.
Mein Vater hat ihn dann und wann gefüttert ..."
Was
sollte ich nur tun? Ich überlegte hin und her und wusste keine Lösung. Am
nächsten Tag war es wärmer und dem Hund ging es etwas besser. Er hob den Kopf,
wenn ich kam und sah mir erwartungsvoll entgegen. Irgendwann musste es ein wunderschöner
Hund gewesen sein, ein Collie-Schäferhund-Mischling mit dichtem langen Fell.
Wie alte er wohl war? Wie sah seine Geschichte aus?
Am
nächsten Tag sah ich vormittags zufällig aus dem Fenster, als Bilbo unten die
Straße entlang wankte. Es war schrecklich anzusehen, wie sehr er sich quälte,
und doch war er aufgestanden und versuchte auf drei Beinen, die ihm aber auch
nicht wirklich gehorchten, zur Innenstadt zu laufen. Aufgeregt griff ich in
meine Hundefuttertüte und eilte die Treppe herunter auf die Straße. Bilbo sah
mich so verwundert an, dass er sich vor Schreck hinsetzte und auch nicht mehr
auf die Beine kam, als ich wieder fort ging. Ich fütterte ihn und er hatte
einen Blick im Gesicht, der zwischen Wonne und Fassungslosigkeit hin und her
schwankte. Lange sah er mir nach, doch in seinem Blick stand nun auch Wärme und
Freundlichkeit. Er schaute noch lange auf das Haus, in dem ich wieder
verschwunden war, erst viel später schaffte er es, sich zu erheben und
weiterzulaufen. Dabei hatte er seinen Körper so wenig unter Kontrolle, dass er
immer wieder aus dem Gleichgewicht kam und einmal fast gegen ein fahrendes Auto
gefallen wäre. Nur um Bruchteile von Millimetern entging er dessen Rädern, doch
der Fahrer bremste nicht. Ich beobachtete den Hund von oben und wandte mich
darauf hin ab, da ich das Bild des Leidens einfach nicht länger ertragen
konnte.
Am
Dienstag besuchte ich meine Freundin Heidi, die Vorsitzende des Tierheims
Manresa, und erzählte ihr von Bilbo. "Dann lass ihn doch auf Kosten des
Tierheims einschläfern!", sagte sie, doch ich schüttelte den Kopf.
"Es geht mir nicht um die Kosten, noch bin ich ein Tierarzt um beurteilen
zu können, ob man ihm nicht doch helfen könnte. Ich kann ihn nicht zu mir
nehmen und wenn ein Tierarzt sagt, es wäre besser ... nun, doch Bilbo ist mein
Freund und ich möchte ihm helfen, wenn ihm noch zu helfen ist!" "So
dein Freund?", murmelte Heidi und sagte dann bestimmt. "Gut, wir
machen folgendes: Du fährst mit ihm zur Tierklinik nach Manresa und bist dafür
verantwortlich, was mit ihm weiter passiert. Wenn der Tierarzt noch Rettung sieht,
nehmen wir ihn im Tierheim auf. Du sorgst für alle Arztgänge und siehst zu, dass
er vermittelt wird. Auch ein alter Hund hat eine Chance, wenn der richtige
Besitzer kommt ..." Ich schluckte, damit hatte ich nicht gerechnet.
"Aber wenn dieser Hund in der Auffangstation säße, würdest du ihn niemals
aufnehmen. Sicher gibt es genug jüngere und ...!", warf ich dagegen.
"Er ist alt und war bestimmt einmal ein schöner Hund, doch jetzt ... doch
wenn der Tierarzt eine Chance für ihn sehen würde, dann wäre dein Vorschlag
wundervoll!" Wir einigten uns auf Freitag. Zwar wusste ich nicht, wie ich
Bilbo in meine Auto bekommen sollte, doch ich war plötzlich froher Hoffnung.
Vielleicht konnte ihm doch noch geholfen werden ...
Meine
Freundin Andrea machte mir dann am Mittwoch den tollen Vorschlag, nach Cardona
zu kommen und mir bei der Bilbo-Manresa-Fahrt zu helfen. Bilbo ging nun wieder
täglich unter größten Qualen gen Cardona. Das wärmere Wetter tat ihm gut und
vielleicht stärkte ihn auch das tägliche Futter, dass er nun schon fast zwei
Wochen von mir bekam. Je näher aber der Freitag kam, desto mehr Angst ergriff
mich. Hatte ich denn das Recht, Schicksal für Bilbo zu spielen? Machte ich mir
denn wirklich Hoffnungen? Ein Tierarztbesuch würde höchstwahrscheinlich seinen
Tod bedeuten. Mir graute und ich hatte Angst davor. Vielleicht war der alte
Hund doch irgendwie glücklich in seinem jämmerlichen qualvollen Leben ... Hatte
ich wirklich das Recht zu tun, was ich tun wollte?
So
war ich am Freitag plötzlich glücklich, als Bilbo nicht mittags auf seinem
Platz in der Sonne lag. Ich war erleichtert, sicher hatte ich nicht das Recht,
"es" zu tun. Ich hatte in einem Stück Fleisch ein Beruhigungsmittel
verpackt, das wollte ich ihm geben, bevor Andrea kam. Als ich aber ein paar
Schritte weiter ging, sah ich Bilbo an einer anderen Stelle liegen. Ich gab ihm
also das Fleisch und er fraß es. So würde alles seinen Lauf nehmen ...
Als
aber Andrea da war, um mit Bilbo seine wahrscheinlich letzte Fahrt anzutreten,
war Bilbo fort. Wir suchten ihn bestimmt eine Stunde überall. Stattdessen hatte
irgendjemand eine Schale mit ganz viel Fressen, Fleisch, Nudeln, Fisch und
Knochen hingestellt, ich war erstaunt. Also gab es noch einen anderen Bilbo-Freund,
doch wo war Bilbo?
Schließlich
stiegen Andrea und ich auf einen keinen Berg hinter Bilbos Wiese. Von dort sahen
wir ihn. Er lag zusammengekauert am Straßenrand und zwei Frauen standen bei
ihm. Zuerst wussten wir nicht, was wir machen sollten, dann gingen wir etwas
ratlos zu dem Hund und den Frauen, bis wir sahen, dass eine der Frauen ihn mit
dem Essen fütterte, was wir zuvor entdeckt hatten. Eigentlich war es uns nicht
recht, dass wir Zeugen hatten, denn wir fühlten uns beide unwohl, hin und her
gerissen. Die Frau sagte, sie würde den Hund, den sie Chicco nannte, schon seit
einem Jahr kennen. Sicher war er hier an der Stelle von seinem alten Besitzer
ausgesetzt worden und wartete seitdem auf ihn. Sie würde ihn füttern, denn früher
wäre er ein bildschöner Hund gewesen. So einen schönen Hund hätte es in Cardona
selten gegeben, ja, sicherlich hatte die Frau recht.
Ich
wusste, dass Bilbo früher wunderschön gewesen war und ich wusste von seinem
Schmerz, denn sein Herr hatte ihn ausgesetzt, als er für ihn unbrauchbar und
wertlos geworden war. Er hatte eine treue Hundeseele verraten, als der Hund ihm
im Alter gebraucht hätte. Seitdem wartete der Hund ergeben in Liebe an jener
Stelle, an der er noch immer bei allem Leid Hoffnung hegte, bewusst oder unbewusst,
seinen Herrn wiederzutreffen. Die beiden Menschen, die an dem alten Streuner
hingen, waren da, als Bilbo in mein Auto gehoben wurde. Zuvor hatte er eine
wundervolle Portion Essen bekommen.
Plötzlich
hielten zwei Autos und mehrere Menschen kamen hinzu. "Was macht man denn
für einen Aufstand um die alte Töle!", sagte eine Frau empört, "für
den wäre es doch besser, wenn man ihm mit einem Knüppel eins vor den Kopf hauen
würde ..." "Wie kannst du so etwas sagen", sagte die Frau, die
Bilbo wohl auch gefüttert hatte. Wir sagten, dass wir Bilbo zum Tierarzt nach
Manresa fahren würden und anschließend ins Tierheim bringen würden. Etwas
anderes hätte die Frau auch nicht verstanden, wir fühlten uns noch unwohler.
Ich
fühlte mich schließlich ganz miserabel, als Bilbo in meinem Auto jämmerlich
weinte. Mit seiner alten rauen Stimme wimmerte er völlig verzweifelt und mir stachen
die Tränen in die Augen.
Die
Fahrt dauerte eine dreiviertel Stunde, dann parkten wir mit unseren Autos vor
der Tierklinik. Unsere Hunde blieben in Andreas Auto, wir trugen Bilbo zu zweit
in die Praxisräume, wo man uns entsetzt einen getrennten Raum zuwies, Bilbo sah
zu schrecklich aus in den Augen der anderen Hundebesitzer. Auf dem Boden brach
Bilbo in aller Verzweiflung und Angst zusammen. Er zitterte wie Espenlaub und
keine tröstende Hand drang bis zu ihm vor. Ich weinte um ihn, weil ich nun
sicher war, dass er gleich getötet werden würde. Hatte ich es wirklich richtig
gemacht, ihn hierher zu bringen, hatte ich das Recht dazu? Und doch dachte ich
daran, dass er viele Flöhe hat und er sie wahrscheinlich in mein Auto verbreitet
hatte, dass er stank und daran, dass meine Hunde sich vielleicht von ihm
Krankheiten holen könnten. Ich dachte an mich und nicht an Bilbos verzweifelte
Gefühle. Erst später wurde mir das so richtig bewusst, erst dann, als sich
zwischen ihm und mir etwas änderte.
Als
der Arzt ihn untersuchte, nahm er sich sehr viel Zeit für den Hund. Er sagte,
er habe Arthrose, die seinen Körper zerstört hätte. Bilbo war ungefähr 13 Jahre
alt. Um seinen wirklichen Zustand zu erkennen, musste Bilbo geröntgt werden und
ich schöpfte Hoffnung. Ich wollte nur das Beste für ihn, und wenn es Hoffnung
gab, wollte ich sie für ihn.
Irgendwann
machte es in mir "Klick". Es geschah auf dem Röntgentisch, denn bei
Bilbo geschah dasselbe, es war eine Reaktion, die uns mit dem anderen verband.
Es war sehr merkwürdig. Bilbo wurde dem Mann übergeben und ich musste zurücktreten,
sah aber zu, wie sie "meinen" alten Hund auf dem Tisch drehten und
verrenkten. Bilbo wimmerte wie im Auto und sah flehend zu mir, wie ich flehend
zu ihm sah. Unser Blick traf sich und wir trösteten uns.
Bilbo
war zusammen von mir und dem Arzt ins Röntgenzimmer getragen worden. Als er mit
der Tortur fertig war, trat ich völlig aufgelöst zu ihm und er wurde auf der
Stelle ruhig. Ich umarmte ihn heftig und er drückte sich voller Liebe an mich.
Mir war es plötzlich egal, ob er Flöhe hatte und ihm war meine Nähe und Wärme
mehr als alles. Beide wurden wir ruhig.
Nun
trug ich ihn allein ins Behandlungszimmer zurück und legte ihn zärtlich auf den
Tisch. Plötzlich war er "mein" Hund wie ich "sein" Mensch
war und beide wussten wir dies. Er hatte einen Menschen bekommen und ich einen
dritten Hund! Dieses Wissen war wundervoll. Meine Hand hatte Bilbo nichts
bedeutet, nun bedeutete sie ihm alles. Unter meiner Hand war er ganz ruhig und
zärtlich drückte er sich dagegen, wie ich ihn fest umschlungen hielt, auf ihn
einredete, streichelte und liebkoste. Ich wollte das Beste für ihn, und wenn es
der Tod war, wollte ich auch ihn. Bilbo wusste dies und wusste, dass ich gut
für ihn entscheiden würde. Er überließ sich mir ganz, war völlig entspannt und
wurde von Minute zu Minute glücklicher. Er war nicht länger allein, er hatte
seinen Menschen bekommen, der für ihn da war und ihm gut wollte.
Eine
halbe Stunde warteten wir auf das Röntgenbild, doch Bilbo war der glücklichste
Hund der Welt. In meinen Armen genoss er Wärme und Liebe, die er ganz in sich
aufnahm und auf mich ausstrahlte. Das Ergebnis des Röntgenbildes war grausam.
Er musste schreckliche Schmerzen erlitten haben und würde bei jedem Atemzug seines
Lebens weitere Schmerzen erleiden. Seine Hüfte war völlig zerstört, keine
Tabletten und keine Operation konnten ihm noch helfen. Ich bat den Arzt, ihn zu
erlösen.
Bilbo
starb schnell in meinen Armen, völlig entspannt und mit einem glücklichen
Gesicht. Er sah aus wie ein junger Hund und wie ein Hund, der geliebt wurde.
Und er starb als ein Hund, der geliebt wurde, denn ich liebte ihn von ganzen
Herzen. Als meine Tränen auf seine gebrochenen Augen tropften, spielte es keine
Rolle, ob ich richtig gehandelt hatte oder nicht, für Bilbo war es richtig gewesen,
weil ich diese Entscheidung für ihn getroffen hatte.
Erst
viel später in der Nacht wusste ich plötzlich, dass das, was den Hund umgebracht
hatte, nicht Hunger, Schmerz und Krankheit gewesen waren, sondern die Einsamkeit.
Er war der einsamste Hund der Welt gewesen, und er war glücklich gestorben,
weil er Nähe, Wärme und Liebe gespürt hatte, ja, Liebe!
(Ina
Erwien)
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