Es
war einmal ein armer Hund, den hatte sein Herr als junges Tier verschenkt, weil
er nicht den ganzen Wurf zu Hause behalten konnte. Sein neuer Herr war ganz
begeistert gewesen, doch nach ein paar Wochen ging ihm der inzwischen nicht
mehr so putzige Hund auf die Nerven. Hinzu kam, dass er mit seiner Familie in
Urlaub fahren wollte. Da der Mann aber auch zu Menschen nicht sehr freundlich
war, mochte er keinen Nachbarn bitten, den Hund in Pflege zu nehmen.
"Was
soll's", maulte er vor sich hin, "ich nehme das Vieh mit und setze es
unterwegs aus."
Er
lud den Hund hinten ins Auto, wo seine kleine Tochter ihn bewachen sollte. Bei
der nächsten Gelegenheit, als seine Tochter nämlich eingeschlafen war und ein
Parkplatz am Weg lag, hielt der Mann das Fahrzeug an, ließ den Hund nach
draußen und fuhr weiter. Seine Frau, die erst im letzten Augenblick begriff,
was er tat, bat ihn vergebens, das winselnde Tier wieder aufzunehmen.
Nun
lief der Hund in Höhe des Parkplatzes hin und her. Aber für ihn waren alle
Autos gleich. Sie brausten vorüber und hinterließen so ähnliche Geruchsspuren,
dass er den Wagen seiner Familie selbst dann nicht wiedererkannt hätte, wenn
sie damit zurückgekommen wäre.
Verzagt
trottete der junge Hund auf das nächste Dorf zu, um sich etwas zum Fressen zu suchen.
Bald schien das Glück ihm wieder hold zu sein. Er geriet in die Hände eines
Mädchens, das seiner bisherigen kleinen Freundin ähnelte. Sie war auch sehr
freundlich zu ihm und fütterte ihn.
Ihr
Vater duldete den kleinen Hund allerdings nur unter der Bedingung, dass er draußen
in einer Hundehütte untergebracht werde, damit er Haus und Hof bewachen könne.
Der Mann war nämlich Bauer und fürchtete nicht nur Iltisse und Marder, die es
auf sein Geflügel abgesehen hatten, sondern auch größere, menschliche Diebe,
war ihm doch aus der Scheune schon mal eine teure Leiter gestohlen worden, eine
verstellbare, aus der man sogar einen Tapeziertisch hatte knicken können.
Die
Tochter hätte das Hündchen zwar lieber in ihrem Zimmer wohnen lassen, gab sich
aber mit dem Kompromiss zufrieden. Dem Hund war alles recht, wenn er nur auf
dem Anwesen bleiben durfte. Er schien auch zu ahnen, was der Bauer von ihm
erwartete, denn er bellte sehr fleißig, wenn sich etwas Verdächtiges regte.
Nun, sagen wir lieber, wenn er meinte, es rege sich etwas Verdächtiges.
Da
er seine Arbeit besonders gut verrichten wollte und weil es ihm auch Spaß
machte, bellte er nämlich so übereifrig, dass selbst die gar nicht so nahe
angrenzenden Nachbarn nervös wurden und nachts nicht schlafen konnten.
Schließlich verlangten sie, dass der Bauer den Krachmacher abschaffe.
"Tja,"
sagte er zu seiner Tochter, und man sah ihm an, dass er sich schämte, denn er
hatte seine Mütze in der Hand und befummelte sie, als müsste er ein geheimes
Versteck mit einer Zauberlösung darin finden. Auch klang seine Stimme sehr
kleinlaut, als er fortfuhr: "Das tut mir ja nun leid, aber wir müssen den
Hund wieder abgeben. Der bellt zu viel."
"Ich
weiß schon," sagte die kluge Tochter, "die Kinder haben's mir schon
schadenfroh unter die Nase gerieben, zuletzt heute Morgen in der Schule. Aber
es geht ja nur um den Krach, den der kleine Bello veranstaltet, als müsste er
den Schäferhund spielen. Lass ihn mir doch ganz, bitte Pa, lass ihn in meinem
Zimmer schlafen, dann kann ich ihn beruhigen, sobald er aufmerkt und anschlagen
will."
Sie
schlang ihre gefalteten Hände um den Nacken des Vaters und sah ihn mit einem
Dankeslächeln an, als hätte er ihr den Wunsch schon erfüllt. Das wirkte wie
eine Hypnose. Er kam sich vor, als könnte er nicht verbieten, wofür er schon
den Dank bekommen hatte.
"Nun
ja," der Vater zuckte die Schultern und nickte, wobei er unfreiwillig die
Hände seiner Tochter anhob und scheinbar über seinen Kopf zurück gleiten ließ.
In Wahrheit zog sie sich aber in diesem Augenblick selbst vom Vater zurück, um
nach draußen zu eilen und ihren kleinen Bello hereinzuholen.
"Nun
ja," sagte der Vater noch einmal und ging lächelnd an seine Arbeit.
(Helmut
Wördemann)
No comments:
Post a Comment